Aurel Mertz verrät im Interview, worum es ihm mit seinem Buch “Alpha Boys” geht.
Als Twitter noch nicht X hieß, und der Algorithmus noch Einfallsreichtum, Sprachgewandtheit und Klugheit belohnte, twitterte Aurel Mertz sich dort vom Stand-up-Comedian auf kleinen Bühnen zu einem der einflussreichsten jüngeren Comedians Deutschlands hinauf. Entdeckt wurde er einst von Frank Elstner an dessen Schule für Moderator:innen. Fürs Fernsehen entwickelte Mertz bereits mehrere eigene Shows, moderierte auch das Talk-Format „deep und deutlich“ und spielte in mehreren Serien mit, zuletzt in „Naked“ von der ARD.
Sein Humor tritt nicht nach unten, sondern die Türen der Mächtigen ein. Mertz beschäftigt sich zum Beispiel gern mit dem aktuellen Bundeskanzler, etwa wenn er im Gespräch mit GQ feststellt: „Friedrich Merz hat vielleicht viel von der Welt gesehen, aber er hat kaum etwas davon verstanden.“
Dass Mertz sich Gedanken über Merz macht, liegt nicht nur daran, dass seine Comedy mit einem selbst verordneten Bildungsauftrag versehen ist. Auch geht es dem 1989 in Stuttgart Geborenen um mehr als ein paar schnelle Lacher. Deswegen hat er nun ein Buch über die Krise der Männlichkeit geschrieben. Dafür ist er in die Tiefen der sogenannten Manosphere eingetaucht, hat in ein Alpha-Male-Camp in Indonesien eingecheckt und in die Abgründe des digitalen Inceltums hinabgeschaut. Warum er sich all das als Comedian antut? „Viele Themen werden so unterkomplex behandelt. Kein Gedanke wird zu Ende geführt, selbst in Talkshows bleibt vieles oberflächlich. Jedes Mal, wenn ich einen Tweet eingetippt habe, habe ich mich gefragt, was ich da überhaupt tue. Und so habe ich dann angefangen, das Buch zu schreiben.“ Herausgekommen ist eine kurzweilige Reise zu den seltsamsten Formen, die Männlichkeit heute annehmen kann. Aber auch hier ist der Humor für Mertz kein Mittel, um sich über andere zu erheben. Vielmehr gibt er sich ungeheure Mühe zu schildern, welchen gesellschaftlichen Schaden es anrichtet, wenn Männer sich in ihren Rollenbildern nicht mehr zurechtfinden.

Bella Lieberberg
Aurel Mertz im Interview zu seinem Buch “Alpha Boys”
GQ: Herr Mertz, es gibt seit Jahren eine Art von neuem Kampf der Geschlechter. Wie erklären Sie sich, dass über Social Media längst überwunden geglaubte Männerbilder – wie etwa Andrew Tate – wieder großen Anklang finden?
Aurel Mertz: Ich glaube nicht, dass das ein Kampf der Geschlechter ist, sondern ein Kampf zwischen Fortschritt und Nicht-Fortschritt. Auf der einen Seite haben wir mit den großen Tech Companies so viel Veränderungen in der Gesellschaft und auf der anderen Seite haben wir in der Pandemie die Gesellschaft wie unter einem Brennglas gesehen. Wir haben gemerkt, dass mit uns etwas nicht stimmt. Wenn man viele Probleme gleichzeitig bespricht, gewinnen meistens Leute mit ganz einfachen Antworten und das sind oft die, die sagen: “Alles bleibt so, wie es ist.” Wir Menschen mögen ja grundsätzlich das Vertraute, wollen Sicherheit oder den Glauben, dass früher wirklich alles besser war. Das können wir uns besser vorstellen. Wenn Andrew Tate sagt, Frauen hätten diese oder jene Rolle in der Gesellschaft, findet das bei vielen Anklang. Oder wenn jemand wie Jordan Peterson sagt, es gebe ganz normale traditionelle Rollenbilder, für die es gute Beispiele gibt. Dabei wird aber immer vergessen, dass das nicht für alle cool war und dass wir jetzt mit einem ganz anderen Know-How in die Zukunft gehen sollten.
Daraus würde man aber ja eher schließen, dass das vielleicht ältere Menschen anspricht, aber nicht unbedingt junge Männer.
Es wird einem immer eingeredet, dass wir alle vom technischen Fortschritt profitieren. So wie es jetzt ist, profitieren davon aber nur ganz wenige reiche Menschen. Wenn Menschen ihre Jobs verlieren und daraufhin möglicherweise ihre soziale Struktur, sind sie anfällig für eine Erzählung, nach der die Frau in die Küche gehört. Wenn dann jemand wie Andrew Tate oder Jordan Peterson um die Ecke kommt und predigt: “Du musst jetzt wenigstens wieder die Kontrolle über deine Männlichkeit übernehmen”, dann fallen da ganz viele Kids drauf rein. Das sind Scharlatane, die sehr viel Geld mit der Aufmerksamkeit verdienen, die sie bekommen.
Dieser Art von Scharlatanen und selbsternannten Coaches widmen Sie in Ihrem Buch einige Kapitel. Was ist das Schockierendste, was Sie bei der Recherche beobachtet haben?
Was mich extrem beunruhigt, ist, wie viel von all dem aus Unsicherheit geboren wird. Ein Kapitel habe ich dem Looksmaxxing gewidmet. Das kommt meistens aus der Incel-Community. Da wird Männern eingeredet, oder sie reden es sich selbst ein, dass sie aufgrund ihrer Äußerlichkeiten keine Chance in der Gesellschaft haben. Wer zum Beispiel kein ausgeprägtes Kinn hat, gilt als Primat. Dann fangen die an, sich ihre Kiefer zu brechen, damit die Knochen dicker werden. Das geht so weit, dass sie sich die Beine brechen und verlängern lassen. In solchen Foren habe ich mich umgeschaut, um zu verstehen, woher solche Ideen kommen. Das ist das Deprimierendste, was ich je gesehen habe. Da machen sich die Menschen gegenseitig so runter, dass sie nur noch zwei Möglichkeiten haben: Entweder du transformierst dich und lässt alle möglichen Eingriffe machen, die irgendwie möglich sind, oder du wirst so ein Incel und schließt mit der Gesellschaft ab. Die nennt man dann die Black Piller, die sich sagen: “Ok, die Gesellschaft braucht mich nicht”. Das kann zu Frauenhass führen bis hin zu Amokläufen. Das ist unfassbar gefährlich.
Aurel Mertz über die Manosphere
Wie wirken diese Erkenntnisse auf Sie selbst?
Das Buch ist ja auch lustig. Ich habe versucht, den aktuellen Stand der Männlichkeit ein bisschen entlang meines Lebens zu erzählen. Vieles davon hat auch Spaß gemacht und ist unglaublich unterhaltsam, weil ich auch mein Ego entlarven kann. Aber vieles ist einfach auch traurig. Das Inceltum ist für die gesamte Gesellschaft gefährlich. Grundsätzlich glaube ich sowieso, dass diese ganze Alpha-Bewegung gefährlich für die Gesellschaft ist, weil das alles in vielerlei Hinsicht total antisozial ist. Es zielt immer darauf, dass du einen Rudelführer hast. Einer ist der Boss. Wenn aber jeder in der Gesellschaft denkt, er muss der Boss sein, er muss der Dominante sein, dann führt das zu dem, was wir gerade erleben: Trump, Diktatoren und andere Despoten. Alpha-Denken ist das Gegenteil von sozialem Zusammenleben.
In dieser Bewegung wird Empathie als Schwäche ausgelegt. Wenn man sich in unserer Welt umschaut, auch in der Politik, denkt man, wir bräuchten nichts so sehr wie emotionale Kommunikation, Verständnis füreinander und Empathie. Haben Sie eine Idee, wie man diese Verrohung überwinden könnte und für eine Sprache der Gefühle werben könnte?
Mir ist aufgefallen, dass Männern in Machtpositionen eine entscheidende Sache abhanden gekommen ist und das ist, andere Perspektiven zu verstehen.
Leider gibt es dafür gerade sehr viele Beispiele. Welches fällt Ihnen ein?
Das lässt sich auch bei unserem Kanzler Friedrich Merz beobachten. Ich habe neulich ein Interview mit ihm gesehen. Da hat er mit einer Frau gesprochen und ist sie richtig angegangen. Es ging darum, dass manche Menschen natürlich nicht Geld beiseite legen können, um ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken, weil es eben soziale Ungleichheiten gibt. Die Moderatorin bestand darauf, dass es nicht die Aufgabe der Eltern sein könne, das zu übernehmen. Da sagte Friedrich Merz, er habe sieben Enkel und von diesen sieben Enkeln habe jeder ein Kapitalkonto. Er besteht dann einfach darauf, dass es möglich ist. Und in dem Moment gucke ich mir den Mann an und ich frage mich: “Was stimmt denn eigentlich mit ihm nicht?” Friedrich Merz hat vielleicht viel von der Welt gesehen, aber er hat kaum etwas davon verstanden. Er ist jemand, der andere Perspektiven, die außerhalb seines Lebensradius sind, nicht nachvollziehen kann. Er merkt ja selbst nicht mal, dass er rassistisch ist. Für ihn sind es einfach nur Aussagen, die aus seinem Kosmos getroffen werden. Das finde ich faszinierend.
Selbstreflektion
Aber was schlagen Sie als Mittel gegen diese Unart vor?
Man wird es Trump und Co. nicht mehr beibringen können, Perspektiven anderer nachvollziehen zu können, aber ich glaube, es ist schon auch an uns, anderen Generationen vorzuleben, dass Menschlichkeit nichts Verwerfliches ist. Ganz im Gegenteil. Wenn wir eine Definition für Männlichkeit brauchen, dann ist es doch das Beste, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen, soweit man das in seinem eigenen Spielraum tun kann. Das kann total erfüllend sein. Ein Miteinander ist extrem viel wert.
Wann haben Sie damit begonnen, sich als Mann selbst mehr zu hinterfragen?
Als Comedian hinterfragt man sich immer die ganze Zeit, weil man auf der Suche nach dem Joke bei sich selbst ist. Ich hatte immer große Panik davor, arrogant zu wirken.
Muss nicht jeder, der in der Öffentlichkeit steht, seine Außenwirkung hinterfragen?
Ja, und als ich in dieses Medienleben geworfen wurde, ist mir aufgefallen, wie wir Männer uns aufführen und wie viele junge Menschen und Frauen einfach darunter leiden müssen. Davon habe ich mich abgestoßen gefühlt und ich hatte Schiss, da selbst reinzurutschen. Ich hatte eine richtige Aversion dagegen.
Was für einen Eindruck haben Sie von Männern gewonnen, als Ihre Karriere begann?
Ich habe ganz lange echt Probleme gehabt, so männliche Autoritätsfiguren, zu akzeptieren, weil ich aus einem Haushalt kam, in dem meine Mutter einfach extrem die taffe Frau war. Es gab in meiner Familie sowieso keine Männer, die von Männern erzogen wurden. Es gab nur Männer, deren Väter entweder schon tot waren oder wie bei mir. Bei mir gab es nur richtig starke Frauen und sehr softe, nette Männer. Da habe ich angefangen, in der Außenwelt bestimmtes Verhalten von Männern wahrzunehmen, weil mich das immer so abgeschreckt hat und ich nicht so sein wollte wie die.
Was würden Sie sich konkret von Männern wünschen?
Mein Wunsch wäre, dass Männer sich fragen, wofür sie im Kleinen Verantwortung übernehmen können und wo sie sich nützlich fühlen können. Männer müssen nicht groß denken. Es muss nicht jeder der Stärkste sein. Es muss nicht jeder die größte Firma haben.
Also doch kein Zweitwohnsitz in Dubai?
Nein, das ist übrigens der größte Scam dieser ganzen Bewegung. Das kommt wahrscheinlich von dem ganzen Crypto-Dings. Es gibt zu viele Menschen, die denken, sie seien kurz davor, über Nacht ein super erfolgreicher Milliardär zu werden. Dieses Gefühl, du könntest jeden Moment der Top Dog werden, hält das ganze System am Laufen.
Wo sehen Sie positive Beispiele für eine souveräne Männlichkeit?
Jemand, der mich in letzter Zeit einfach wahnsinnig in seinem Auftreten inspiriert hat, ist Zohran Mamdani. Das kam alles so aus dem Nichts und da geht es mir jetzt gar nicht spezifisch um die Politik, die er macht, sondern um den Stil. Für linke Politiker:innen in Deutschland wäre es extrem wichtig, sich da etwas abzugucken, am besten auch bei der SPD. Einfach weil dieser Mann sich extrem selbstbewusst gegen seine Wettbewerber und den übermächtigen Präsidenten gestellt hat. Selbst Trump hat ihn ja dann akzeptieren müssen. Dem blieb dann nichts anderes, als zu sagen: “Okay, ja, der hat es geschafft.” Ich finde, das war ein tolles Beispiel dafür, dass ein Mann nicht toxisch ist und nicht so auftritt, als wäre er der Stärkste, sondern einfach nur souverän. Man kann auch mit einem anderen Auftreten gewinnen. Das fand ich schon sehr bewundernswert.
Aurel Mertz über seine persönlichen Rassismuserfahrungen
Weite Teile Ihres Buches sind in satirischer Überhöhung geschrieben. Sie erzählen aber auch persönliche Geschichten aus Ihrem Leben. Dazu gehört eine Rassismuserfahrung aus der Schulzeit, die Sie schmerzlich schildern. Im Abi-Buch Ihrer damaligen Freundin wurden Sie als Paar rassistisch beleidigt und Sie erklären genau, welche Gefühle das in Ihnen ausgelöst hat. Was glauben Sie sind die Gründe dafür, dass selbst die Black-Lives-Matter-Bewegung nicht noch mehr Menschen dazu bewegen konnte, eine mitfühlendere Perspektive einzunehmen?
Wir entfernen uns radikal von dieser mitfühlenden Perspektive. Es kommt mir so vor, als wäre im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung ein gewisses Kontingent aufgebraucht worden und jetzt bewegen wir uns wieder zurück. Trump fordert ganz Europa dazu auf, Migration strikt zu stoppen und damit wird ein extremes Feindbild in die Gesellschaft getragen. Was ich mit dem Abi-Buch erlebt habe, war aktives Ausgrenzen. Wenn man schon nicht zu Mitgefühl in der Lage ist, kann man Menschen dann nicht wenigstens offen gegenübertreten in der Eins-zu-Eins-Begegnung auf der Straße, im Beruf, im Zusammenleben?
Sie sind in den vergangenen Jahren als Comedian sehr erfolgreich gewesen, haben viele Tourneen gespielt, haben Ihre eigene Late-Night-Show im Fernsehen gehostet. Mit dem Buch gehen Sie nun aber doch tieferen Zusammenhängen nach, als das in Ihren bisherigen Formaten vielleicht möglich war. Wie wollen Sie sich die nächsten Jahre aufstellen?
Ab März bin ich mit meiner Stand Up Show “Nobody Alpha Drift” auf Tour und werde auch aus dem Buch vorlesen. Ansonsten konzentriere ich mich auf die Schauspielerei. Ich habe gerade mehrere Serien gespielt und eigentlich wollte ich mich aus diesem Meinungsding rausnehmen. Vieles wird so unterkomplex verhandelt, was daran liegt, wie wir Social Media machen und nutzen. Alles ist nur noch kurz. Kein Gedanke wird zu Ende geführt. Selbst in Talkshows bleibt vieles oberflächlich. Jedes Mal, wenn ich einen Tweet eingegeben habe, habe ich mich gefragt, was ich hier überhaupt noch mache. So habe ich dann angefangen, das Buch zu schreiben. Dafür hab ich mich ja auch in ein Alpha-Male-Camp in Indonesien eingecheckt. Mir hat das Schreiben sehr viel gegeben und hoffe, dass jemand Orientierung in diesem Buch findet. Ich wollte einfach mal ein Thema nicht unterkomplex behandeln und bei diesem Männlichkeitsthema geht es um sehr viel mehr als um ein paar Egos. Es geht um die ganze Gesellschaft.

Knaur
„Alpha Boys“ (Knaur) ist gerade erschienen, 256 Seite, 20 Euro. Die Livetour „Nobody Alpha
Drift“ läuft ab 15. März



