Giorgia Meloni als Engel? Der Mann, der dafür die Verantwortung trägt, darf nichts mehr sagen

Giorgia Meloni als Engel? Der Mann, der dafür die Verantwortung trägt, darf nichts mehr sagen

Ein Fresko in einer kleinen Kirche im Zentrum Roms sieht der Regierungschefin überraschend ähnlich. Was ist passiert?

Ein Engel, der Giorgia Meloni aufs Haar gleicht: Ein restauriertes Fresko in einer Römer Kirche sorgt für Aufregung.

Ein Engel, der Giorgia Meloni aufs Haar gleicht: Ein restauriertes Fresko in einer Römer Kirche sorgt für Aufregung.

Riccardo De Luca / Imago

Am Sonntag hatte Don Daniele Micheletti volles Haus: zwei Messen, dicht besetzte Ränge. «Eine Menge, wie man sie hier seit Jahren nicht mehr gesehen hat», notierte der Chronist der «Repubblica». Doch jetzt, am frühen Montagmorgen, liegt der Platz vor der Kirche ruhig da. Die wenigen Leute verziehen sich in die nahe Bar Ciampini und trinken Kaffee.

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Da taucht unvermittelt er auf: Bruno Valentinetti, ein freundlicher und rundlicher Mann, Lesebrille, Pullover, dicke Jacke. Seinetwegen ist ganz Rom in Aufregung, die Medien berichten seitenfüllend über ihn, auch im Ausland, der Vatikan zeigt sich besorgt. Auch jetzt bildet sich gleich eine kleine Menschentraube um ihn. Was ist passiert?

Meloni beschützt König

Der 83-jährige Valentinetti ist ehrenamtlicher Sakristan der Kirche, öffnet jeden Morgen das grosse Tor und steht dem Pfarrer zur Seite. Er lebe von einer Pension von monatlich 600 Euro, heisst es in den Medien. Weil er über einige künstlerische Begabung verfüge, habe er sich immer wieder als Restaurator betätigt.

In den letzten zwei Jahren hat er in Don Michelettis Kirche ein Fresko restauriert. Es liegt in einer dunklen Seitenkapelle, dort, wohin sich nur wenige Touristen und Kunstsachverständige verirren, wenn sie die kleine Basilika San Lorenzo in Lucina besuchen. Meist haben sie nur Augen für die Werke von Gian Lorenzo Bernini, das Grabmal von Nicolas Poussin oder das Kruzifix, ein prächtiges Altargemälde von Guido Reni.

Seit drei Tagen richtet sich die Aufmerksamkeit ganz auf Valentinettis etwas verstecktes Fresko. Denn der Engel, der dort eine Büste von Umberto II., dem letzten König Italiens, beschützt, ist niemand Geringerer als Giorgia Meloni.

Die Seitenkapelle in der Basilika San Lorenzo in Lucina mit der Büste von König Umberto II. und den beiden Engeln. Rechts derjenige mit dem vermeintlichen Konterfei von Giorgia Meloni.

Die Seitenkapelle in der Basilika San Lorenzo in Lucina mit der Büste von König Umberto II. und den beiden Engeln. Rechts derjenige mit dem vermeintlichen Konterfei von Giorgia Meloni.

Alessandro Serrano / Avalon / Imago

Schrieb jedenfalls die «Repubblica», die am Samstag zuerst darüber berichtet hat. Und sagen fast alle, die seither die Seitenkapelle besucht haben. Und tatsächlich gleicht der Engel der Regierungschefin aufs Haar, wie der persönliche Augenschein zeigt. Auch der Abgleich mit Fotos von Meloni spricht eine ziemlich deutliche Sprache. Ein Engel als Politikerin? Eine merkwürdige Transfiguration.

Nur einer wehrt sich gegen die Zuschreibung: Bruno Valentinetti selbst, der Schöpfer des Freskos. «Zwischen der Feststellung einer Ähnlichkeit und der Behauptung, dass sie es wirklich sei, liegt ein Ozean», sagte er in einem der zahlreichen Interviews, die seit Samstag erschienen sind. Er habe die Engel im Auftrag des Pfarrers während der Restaurationsarbeiten genau so reproduziert, wie sie vorher waren.

Ein rechter Restaurator?

So präzis weiss man das allerdings nicht mehr. Die Büste von König Umberto II. wurde 1985 auf Geheiss des früheren Pfarrers, eines Monarchisten, in der Kapelle aufgestellt. Und das Dekor an den Wänden stammt von Valentinetti selbst. Im Jahr 2000 hatte er die Fresken gemalt: einen Cherub mit einer savoyischen Krone und einen weiteren – der mit dem fraglichen Gesicht – mit einer Karte Italiens, die sich beide über die Büste des Königs beugen, oben ein Wappen der Savoyer. Die Bilder stehen nicht unter Denkmalschutz.

Alle Pläne, Zeichnungen und Aufnahmen von damals hat Valentinetti nach eigenen Angaben inzwischen vernichtet. Der Abgleich mit dem Urzustand gestaltet sich also etwas kompliziert. Umso stärker schiessen die Spekulationen ins Kraut. Valentinetti sei ein verkappter Rechter, heisst es etwa. Im Jahr 2008 habe er im ersten Stadtbezirk Roms einmal auf der Liste «La Destra – Fiamma tricolore» kandidiert.

Davon wisse er nichts, sagt Valentinetti, seine Sympathien hätten immer Giulio Andreotti gegolten, dem legendären x-fachen Regierungschef Italiens. Dieser hatte sein Büro an der Stirnseite der Piazza San Lorenzo in Lucina.

Fest steht: Der 83-jährige Mann hat es in zwei Tagen zu grösster Prominenz geschafft. «Bruno, du bist ein Medienstar», rufen Passanten, als sie ihn am Montagvormittag auf der Piazza sehen, und klopfen ihm auf die Schultern. «Du solltest Geld dafür verlangen!» Valentinetti lacht, würde wohl gerne mehr erzählen – aber sagt schliesslich, als man sich als Journalist zu erkennen gibt: «Ich darf leider nichts mehr sagen.»

Monsignor Micheletti seinerseits versteht die Aufregung nicht: Früher hätten die Künstler alles Mögliche in ihre Fresken eingebaut, meinte er gegenüber den Medien. Caravaggio habe für einige Marien- oder Heiligendarstellungen öffentlich bekannte Prostituierte porträtiert.

Melonis Vorliebe für Engel

Die Sache, so bizarr sie tönt und so viele Memes sie inzwischen im Netz hervorgerufen hat, wird nicht von allen mit der gleichen Lockerheit aufgenommen.

La Gioconda dopo il restauro pic.twitter.com/SI2yHIvdZy

— Marco Setaccioli (@marsetac) February 1, 2026

Der Kulturminister hat seine Mitarbeiter zum Ortstermin abgeordnet. Und auch die katholische Kirche ist nicht zu Spässen aufgelegt. Das Bistum Rom hat in der Person von Kardinal Baldassare Reina, Generalvikar von Papst Leo XIV., seine «Verbitterung über das Vorgefallene» zum Ausdruck gebracht. Bilder der sakralen Kunst und der christlichen Tradition dürften nicht missbraucht oder instrumentalisiert werden, liess das Vikariat verlauten. Nötig sei nun eine unverzügliche Untersuchung, um die Verantwortlichkeiten zu klären.

Und Giorgia Meloni? «Nein, ich sehe definitiv nicht wie ein Engel aus», liess sie ihre Follower auf Facebook wissen und schmückte ihre Nachricht mit einem Smiley.

Für Engel hat sie allerdings eine gewisse Vorliebe. Wie die «Repubblica» am Montag bekanntgemacht hat, verfügt die Regierungschefin über eine private Sammlung mit 300 Engeln.

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