Ist Intervallfasten gefährlicher als gedacht? Das sagen Fachleute

Lange galt Intervallfasten als gesund. Jetzt wollen neue Forschungsergebnisse zeigen, dass der Ernährungstrend nicht ganz ungefährlich ist. Stimmt das wirklich?

Neue Forschungsergebnisse zum intermittierenden Fasten haben in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Auf einer Konferenz der American Heart Association erklärten die Forschenden: Wer täglich acht Stunden lang auf Nahrung verzichtet, steigert sein Risiko für Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 91 %.

Eine schockierende Nachricht. Nicht nur, weil die Statistik so erschütternd ist, sondern auch, weil sie im Gegensatz zu allem steht, was wir bisher über die Vorteile von Intervallfasten gelernt haben. Nämlich, dass Fasten gut für unsere Gesundheit – und unser Herz ist. Doch wie so oft in der Forschung, müssen diese Ergebnisse erstmal eingeordnet werden.

Bevor Sie jetzt in Panik geraten, weil Sie Ihren ganzen Ernährungsstil umstellen müssten: Lesen Sie erstmal weiter. Im Folgenden ordnen wir die neuesten Erkenntnisse mithilfe zweier Expert:innen ein.

Warum galt Intervallfasten bisher als gesund?

Was bisher galt? Frühere Kurzzeitstudien haben gezeigt, dass Intervallfasten unser Körpergewicht in die gesunde Richtung gelenkt hat, was sich positiv auf unsere Herzgesundheit ausgewirkt hat, erklärt Dr. Sean Heffron, Kardiologe in New York. Aktuell gibt es jedoch keine verlässlichen Langzeitstudien zu den Auswirkungen von Intervallfasten bei Menschen. Weil es diese Daten nicht gibt, haben die Forschenden bisher mit Beobachtungen aus Tierstudien gearbeitet. “Viele dieser Studien zeigen, dass die lebenslange Einhaltung einer begrenzten Energiezufuhr mit einer höheren Lebenserwartung verbunden ist”, sagt Dr. Heffron.

Was hat die neue Forschung gezeigt?

Das Ziel dieser neuen Untersuchung, die jüngst für Schlagzeilen gesorgt hat, war es also, diese Lücke zu schließen. Die Forschenden wollten mithilfe von Langzeitdaten untersuchen, ob zeitlich eingeschränktes Essen (Intervallfasten) beim Menschen mit langfristigen Gesundheitsrisiken verbunden ist.

Dafür nutzten sie Daten aus der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) der Jahre 2003 bis 2018, in deren Rahmen rund 20.000 erwachsene Teilnehmende unterschiedlichen Alters, Geschlechts und ethnischer Zugehörigkeit Angaben zu ihrem Ernährungsverhalten machten. Die Essgewohnheiten wurden anhand von zwei 24-Stunden-Ernährungsprotokollen erhoben, die im Abstand von etwa zwei Wochen durchgeführt wurden. Personen, die an zwei Untersuchungstagen angaben, innerhalb von weniger als 8 Stunden gegessen zu haben, wurden der Gruppe mit zeitlich eingeschränktem Essen zugeordnet.

Die Forschenden nahmen an, dass dieses Essverhalten langfristig beibehalten wurde. Anschließend verknüpften sie die NHANES-Daten mit dem US-amerikanischen Sterberegister, um mögliche Zusammenhänge zwischen der täglichen Essensdauer und der Gesamt-, Herz-Kreislauf- oder Krebsmortalität zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass ein Essensfenster von unter 8 Stunden im Vergleich zu 12–14 Stunden mit einem erhöhten Risiko für Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden war.

Die Studie zeigte also: Menschen, die nur innerhalb von acht Stunden am Tag essen, haben ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Menschen, die ihre Mahlzeiten über einen längeren Zeitraum verteilen.

Was ist an den Ergebnissen dran?

Die Ergebnisse sind insgesamt wenig aussagekräftig. Erstmal liegen sie nur als Abstract vor, also als kurze Zusammenfassung, nicht als vollständige, geprüfte Studie. Dadurch fehlen wichtige Details zu Methoden und Ergebnissen. Hinzu kommt: Sie basieren auf selbst gemeldeten Daten. Die Ernährung der Untersuchten wurde nur zweimal erfasst – was für verlässliche Aussagen zu wenig ist. Wichtige Faktoren wurden nicht berücksichtigt, zum Beispiel was die Menschen tatsächlich gegessen haben oder wie viel sie sich bewegt haben.

Zudem zeigt die Studie keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang: Man kann nicht sagen, dass Intervallfasten das höhere Herz-Kreislauf-Risiko verursacht – nur, dass beides zusammen auftrat. Entsprechend bezeichnet auch Dr. Heffron die Studie als „nicht bemerkenswert“.

Laut Kardiologin Dr. Hunnes, leitende Ernährungsberaterin am UCLA Medical Center, das zu der University of California gehört, betont ebenfalls, dass vor allem fehle was die Teilnehmenden tatsächlich gegessen haben – ebenso wie die Informationen zu anderen Faktoren, die ihren Lebensstil beeinflussen.

Ist Intervallfasten wirklich gefährlich? Dafür ist weitere Forschung nötig

Fachleute sind sich einig, dass es noch deutlich mehr Forschung braucht, um die Ergebnisse einzuordnen. Laut Dr. Heffron müssten die Daten gründlicher ausgewertet und in weiteren, unabhängigen Studien überprüft werden. Erst dann ließen sich mögliche Konsequenzen ableiten.

Auch Dr. Hunnes betont, dass die Forschung zum Intervallfasten und zur Herzgesundheit insgesamt noch lückenhaft ist. Ernährungsstudien seien generell schwierig, weil viele Lebensstilfaktoren kaum vollständig erfasst werden können. Der wissenschaftliche Goldstandard wären langfristige, kontrollierte Studien – diese sind bei Ernährung jedoch nur schwer umsetzbar, ergänzt Dr. Heffron.

Fazit: Kurzfristig kann intermittierendes Fasten beim Abnehmen helfen und einige Risikofaktoren für Herzkrankheiten senken. Wie es sich langfristig auf die Herzgesundheit auswirkt, ist jedoch unklar. Statt auf Essenszeiten zu fokussieren, raten die Expert:innen zu einer insgesamt herzgesunden Ernährung. Gut belegt sind etwa die Mediterrane Ernährung, die DASH-Diät und eine vollwertige Ernährung mit Fokus auf pflanzliche Produkte. Entscheidend ist letztlich, was man isst – nicht wann.


Dieser Artikel ist im Original bei GQ US erschienen.

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