“Send Help” inszeniert die Ungleichheit der Geschlechter am Arbeitsplatz als Survivalthriller.
Linda Liddel (Rachel McAdams) ist verdammt gut in ihrem Job. So gut sogar, dass ihre nichtsnutzigen männlichen Kollegen ihre sorgsam erstellten Analysen gerne für ihre eigene ausgeben. Ihr Chef ist sich ihres Werts für die Firma trotzdem bewusst und will sie zur nächsten VP machen, nur leider kann er dieses Versprechen vor seinem Tod nicht mehr einlösen.
Horrorkomödie “Send Help” – Die Handlung
In seine Fußstapfen tritt sein Sohn Bradley Preston (Dylan O’Brien): ein arroganter, oberflächlicher Lackaffe, der sich noch keinen Tag in seinem Leben wirklich Mühe gegeben hat – weil er es auch nie musste: All seine Privilegien wurden dem Unternehmenserben auf einem silbernen Tablett gereicht. Dass Linda weitaus kompetenter ist als all ihre männlichen Kollegen, ist dem Junior ziemlich schnuppe. Wenn er sie ansieht, sieht er keine brillante, hingabevolle Mitarbeiterin, sondern eine zerknitterte, graue Maus, die sich sehr zu seinem Leid nichts aus Äußerlichkeiten macht. Nichts steht ihm ferner, als sie zu befördern.

Linda Liddles (Rachel McAdams) Kompetenz wird schmerzlich übersehen.
Brook Rushton / 20th Century Studios
Die Machtverhältnisse verschieben sich drastisch, als Linda und Bradley nach einem Flugzeugabsturz als einzige Überlebende auf einer einsamen Insel stranden. “Send Help” nutzt dieses Survival-Szenario für eine bitterböse Parabel Narzissmus, Machtmissbrauch, und darüber, wie gefährlich es ist, Frauen systematisch zu unterschätzen.
Während Bradley es kaum erträgt seinem komfortablen Leben entrissen zu werden, erweist sich Linda als enorm anpassungsfähig. Als Fan der Reality-Show “Survivor” verfügt sie über grundlegende Kenntnisse im Überlebenstraining und setzt diese schnell um. Im Nu baut sie sich ein neues Leben auf der Insel auf und gedeiht förmlich im Widerstand ihrer Umstände. Ihr CEO hingegen bringt es nicht einmal fertig, das Wort “Hilfe” korrekt zu buchstabieren. Den frappierenden Kompetenzunterschied zwischen den beiden überzeichnet “Send Help” auf genial absurde Weise: Lindas improvisierte Bastelkunst wird zur stillen Machtdemonstration, während Bradley an Missgunst und Anspruchsdenken fast erstickt.
Gleichberechtigung? Nur über seine Leiche
Dass Bradley nie zur Karikatur verkommt, ist Dylan O’Briens nuanciertem Spiel zu verdanken. Wer die Anfänge seiner Karriere verfolgt hat, ahnt wahrscheinlich wie sehr dem 34-Jährige diese Rolle liegt. Er kann seine Mimik wie durch Fingerschnippen verfinstern und brilliert darin Figuren zu verkörpern, die insgeheim finstere Absichten hegen. In der dritten Staffel der Fantasy-Jugendserie “Teen Wolf” war seine Figur Stiles von einem bösen Geist besessen; in “Send Help” dagegen ist es toxische Männlichkeit, die Bradley fest im Griff hat.

Dylan O’Brien spielt den Arschloch-Chef Bradley Preston mit viel Hingabe.
20th Century Studios
Während sich Linda um ein Zusammenleben auf Augenhöhe bemüht, vermag es Bradley schlicht und einfach nicht, sie als ebenbürtig anzuerkennen. Nichts im Leben scheint einen Wert für ihn zu haben, sofern er sich anderen nicht überlegen fühlt. Und so nutzt er die Güte und Gutgläubigkeit seiner Angestellten abermals schamlos aus. Er gibt sich ihr gegenüber freundlich und umgängig, plant jedoch heimlich, sie auf der Insel zurück zu lassen und sich mit einem selbstgebauten Floß zu retten. Es ist jedoch gerade dieses narzisstische Verhalten, das ihm letzten Endes den Untergang beschert.
Blutbad im Paradies
Denn Linda kann auch anders – etwa wenn sie sich im Dickicht auf einen äußerst blutigen Nahkampf mit einem Wildschwein einlässt. Oder wenn sie sich während des Flugzeugabsturzes gegen ihren Kollegen behauptet, der versucht, sie aus der Maschine zu zerren. Immer wieder überrascht “Send Help” mit expliziten Gewaltszenen, die deutlich machen, dass die Analytikerin sehr wohl dazu bereit ist, Grenzen zu überschreiten, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlt. “Send Help” nutzt Humor also nicht zur Entschärfung der Extremsituation, sondern um diese schrittweise zu eskalieren – bei dem wendungsreichen Mix aus schwarzer Komödie, Survival-Thriller und blutiger Abrechnung bleibt einem das Lachen oft im Hals stecken.

Überlebenskünstlerin Linda ist im Dschungel voll in ihrem Element.
Brook Rushton
Fazit zu “Send Help”
“Send Help” ist kein klassischer Überlebensfilm, sondern eine Allegorie auf Machtverhältnisse in patriarchal geprägten Arbeitsstrukturen. Die raffinierte Horrorkomödie wird vor allem hart arbeitende Frauen ansprechen, die schon einmal zugunsten eines mittelmäßigen Mannes übergangen wurden. Aber gerade deshalb würde es nicht schaden, wenn Männer, die in Unternehmen arbeiten, über die Botschaft des Films nachdenken. Denn auch wenn das Survival-Szenario sehr spezifisch und beinahe fantastisch wirken mag, die Geschlechter-Dynamiken, die “Send Help” aufgreift, sind äußerst real.
Linda ist nicht nur äußerst fähig in ihrem Job, sondern auch gesellig. Sie hat Humor und eine positive Einstellung; sie zeigt Initiative und kennt ihren Wert. Und trotzdem bekommt sie nicht das, was ihr zusteht – weil ihre männlichen Kollegen glauben, auf ihr herumtrampeln zu können. Mit viel Augenzwinkern entlarvt der Film so die Boys-Club-Mentalität vieler Führungsetagen – und zeigt, warum Diskussionen über Frauenquoten bis heute nötig sind.
Sehen Sie hier den deutschen Trailer zu “Send Help”:
Noch mehr Themen bei GQ.de:





